Leben am Limit – Armut, Glück und ein neuer Blick auf die Welt
- Jacky

- 5. März 2025
- 5 Min. Lesezeit
4. März, 21:00 Uhr – ich sitze im Dunkeln. Der Strom ist wieder einmal ausgefallen. Mit meiner Taschenlampe auf dem Bett schreibe ich diesen Blogbeitrag, während draußen die Kinder jubeln. Sie spielen Fußball, als wäre die Welt um sie herum nicht voller Herausforderungen.
Ich bin in Chamazi, einem Vorort von Dar es Salaam. Touristen verirren sich hierher nicht. Stattdessen leben hier Freiwillige aus Europa gemeinsam mit den Locals – mit einem Ziel: Kindern eine bessere Zukunft ermöglichen.
Mein erster Eindruck: Freundlichkeit. "Mambo!", so werde ich auf der Straße begrüßt. Die Menschen sind offen, interessiert an unserer Welt außerhalb Tansanias. Doch herausfordernd war es, meine gewohnte Umgebung mit der Realität hier zu vergleichen.
Leben ohne Standards – Alltag in Chamazi
Mein Zuhause ist ein kleines Apartment mit einem Ventilator und einem Plumpsklo. Duschen bedeutet hier: Ein Eimer Wasser, denn der Wasserdruck reicht nicht aus. Strom? Das ist ein Glücksspiel. In den letzten Tagen gab es täglich Ausfälle, oft für Stunden – ohne Vorwarnung.
Fehlt mir der Komfort? Ja und nein. Natürlich würde ich nicht nein sagen zu einer Klimaanlage bei 34 Grad oder einer ordentlichen Dusche. Aber nach einer Woche wird selbst das zur Normalität. Ich hatte keine großen Erwartungen bevor ich her gekommen bin, doch ehrlich – wäre das hier ein Airbnb, hätte ich es wohl nicht gebucht.
Jetzt bin ich hier – und glücklicher denn je. Man gewöhnt sich an alles, wenn man mit offenem Herzen durch das Leben geht.
Kinder voller Lebensfreude – Was Glück wirklich bedeutet
Am ersten Tag, als ich zum ersten Mal zum Mainhouse der Organisation ging, wurde ich so herzlich begrüßt, dass hätte ich mir nicht vorstellen können. Ein kleines Kind, vielleicht drei Jahre alt, rannte auf der Straße auf mich zu, umklammerte meine Beine und rief: „Teacher!“ mit einem strahlenden Lächeln. Es war ein Moment voller Unschuld, voller Freude – und doch hat er mich tief berührt. Ich kannte dieses Kind nicht, hatte noch kein Wort mit ihm gewechselt, und doch war ich für ihn sofort jemand Vertrautes, jemand, der ihm Aufmerksamkeit schenkt, jemand, den er willkommen heißen wollte.
Die Kinder hier haben oft kaum etwas – und doch besitzen sie mehr Lebensfreude als viele von uns in Europa. Sie lachen aus vollem Herzen, sie rennen barfuß über den staubigen sandigen Boden, als wäre er ein Spielplatz. Ihre Augen strahlen, wenn man ihnen eine High-Five gibt oder sie auf den Arm nimmt.

Nachmittags kommen ältere Kinder zur Schule, 7 bis 13 Jahre alt. Viele tragen zerrissene Kleidung, manche Schuhe sind zu groß, oder fallen fast auseinander. Doch wenn der Unterricht vorbei ist, gibt es keine Müdigkeit, keine Resignation – nur pure Energie. Sie rennen auf den Schulhof, und die Sandstraßen vor der Schule. Sie holen Bälle, Seile oder das, was sie sonst als Spielzeug nutzen. Nicht selten ist es Müll aus dem Container: eine leere Filzstiftverpackung, eine zerknüllte Plastikflasche. Es ist ein Anblick, der mir das Herz bricht – und mich zugleich lehrt, dass Glück nicht in Dingen liegt, sondern in der Art, wie wir sie betrachten.
Armut im Alltag – Was bedeutet es wirklich?
Ich begleite den Leiter der Organisation auf einen Hausbesuch bei einer Familie, die zu arm ist, um das Schulgeld für ihre Kinder zu zahlen. Sponsorships, also Patenschaften durch Spenden, können ihnen helfen – doch bevor die Unterstützung gewährt wird, wollen wir uns selbst ein Bild von ihrer Situation machen.
Schon als wir das Haus betreten, spüre ich, dass dieser Besuch mir noch lange im Kopf bleiben wird. Die Realität dieser Familie trifft mich wie ein Schlag.

Fünf Menschen leben auf 12 Quadratmetern – ein einziger Raum, der alles sein muss: Schlafzimmer, Wohnzimmer, Esszimmer. Mehr Platz gibt es nicht. In der Mitte des Raumes steht ein Bett, daneben ein Sessel und eine kleine Kommode– das ist ihr gesamter Besitz. Keine Privatsphäre. Ich schaue mich um und frage mich, wie es überhaupt möglich ist, hier Tag für Tag zu leben.
Mein Blick fällt auf den Vater. Er liegt auf dem Bett, bewegungsunfähig, sein Körper nur noch Haut und Knochen. Lungenkrebs im Endstadium. Keine Aussicht auf Verbesserung oder Heilung. Medizin ist ein Luxus, den sich die Familie nicht leisten kann.
Seine Frau erzählt uns, dass sie jeden Tag durch Chamazi läuft, im Müll nach Essensresten sucht, um ihre Familie zu ernähren. An manchen Tagen findet sie genug, an anderen nicht. Dann bleibt nur der Hunger.
Die Miete für ihre Wohnsituation, für diesen Raum, beträgt 4.000 tansanische Schillinge und selbst diesen Betrag kann die Familie nicht aufbringen.
4.000 Schillinge sind 1,46 Euro.
Ich wiederhole: 1,46€.
Ich kann es nicht fassen. In Deutschland reicht das nicht einmal für einen Kaffee. Hier entscheidet es darüber, ob eine Familie ein Dach über dem Kopf hat – oder auf der Straße schlafen muss.
Als wir das Haus verlassen, habe ich einen Kloß im Hals. Die Bilder brennen sich in mein Gedächtnis ein.
Ich stelle mir eine einfache Frage: Was, wenn ich hier geboren worden wäre? Was, wenn das meine Familie wäre?
Wenn ich sage, dass jede Spende zählt, dann meine ich das aus tiefstem Herzen. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie viel selbst der kleinste Betrag hier verändern kann.
Meine Aufgaben & das Leben mit den Volunteers
Ich arbeite hier vor allem an Social Media und Fundraising, bald steht auch die Überarbeitung der Website an. Ich dokumentiere den Schulalltag, die Lebensverhältnisse, ich mache Fotos und Videos – und wenn ich gerade nicht mit der Kamera unterwegs bin, verbringe ich jede freie Minute mit den Kindern. Spielen, lachen, Quatsch machen – einfach Kind sein dürfen.

Das Zusammenleben mit den anderen Volunteers war anfangs eine Umstellung. Jeder kommt aus einer anderen Ecke der Welt, jeder bringt seine eigene Geschichte mit. Freiwillige kommen und gehen, jede Woche trifft man neue Menschen, während andere abreisen. Manche bleiben nur ein paar Wochen, andere für Monate.
Doch nicht alle halten bis zum Ende durch. Einige haben die harten Kontraste nicht verkraftet – das einfache Leben hier, die fehlenden Standards, die Herausforderungen, die mit dieser Erfahrung einhergehen. Manche hatten völlig andere Erwartungen oder haben gemerkt, dass sie mit der Realität nicht umgehen können. Es ist okay – nicht jeder ist dafür gemacht.
An den Wochenenden nutzen wir die Zeit, um die Umgebung zu erkunden: Sansibar, Dar es Salaam – und nächstes Wochenende geht’s ins Stadion! Young Africans vs. Simba SC, ein großes Fußball-Derby in Tansania. Fußball ist hier ein Nationalsport, eine Lebenseinstellung – das lasse ich mir nicht entgehen.
Und natürlich gibt es zwischen den Volunteers hin und wieder kulturelle Missverständnisse – oder einfach Sprachbarrieren. Aber genau das sorgt oft für die lustigsten Momente. Wenn plötzlich keiner mehr weiß, was eigentlich gemeint war, oder wenn wir versuchen, in fünf verschiedenen Sprachen einen Plan zu machen – am Ende lachen wir einfach darüber.
Fazit: Mein Blick auf die Welt verändert sich
Ich bin hier hergekommen, um zu helfen, um etwas zu geben – doch je länger ich hier bin, desto mehr wird mir klar: Es sind die Menschen hier, die mich lehren.
Dankbarkeit. Für das, was ich habe. Für sauberes Wasser, für eine warme Dusche, für eine Mahlzeit, die nicht vom Zufall abhängt.
Demut. Dafür, dass ich in einem Land geboren wurde, in dem Bildung, Gesundheitsversorgung und Sicherheit keine unerreichbaren Privilegien sind.
Was bedeutet Reichtum wirklich? Es ist nicht das Geld auf unserem Konto, das Haus, das Auto, die teuren Markenklamotten. Echter Reichtum liegt in den Momenten, die uns erfüllen – im Lachen eines Kindes, in einer helfenden Hand, in der Fähigkeit, mit wenig glücklich zu sein.
Was denkst du? Schreib mir gerne deine Gedanken in die Kommentare oder auf Instagram (@worksafari). 🌍✨




Mchana mwema, Jackie. Danke für deinen Beitrag „Leben am Limit – Armut, Glück und ein neuer Blick auf die Welt“. Dieser Beitrag ist so gut geschrieben! Er trifft genau die Wirklichkeit. Es ist genau das, was ich vor etwa zwei Monaten bei uns zuhause versucht habe, dir zu erklären. Du hast es mit diesem Beitrag allerdings viel besser erklärt. Vor 40 Jahren war ich selbst für zwei Jahre in Afrika als Entwicklungshelfer. Genau so, wie du es beschreibst, war es schon damals. Lachende, freundliche, zufriedene Kinder, die neben dem täglichen Überleben das Beste aus ihrem Leben machen. Im Vergleich zu vor 40 Jahren haben sich manche Dinge etwas gebessert, vieles ist jedoch gleich geblieben…
asante, endelea groetjes Kees